Offline auf See

Was passiert, wenn man sich spontan mit der Freundin für eine Woche segeln auf dem Ijsselmeer einschreibt, statt wie alle Klassenkameraden nach Hamburg oder München zu fahren? Tja, das hatte ich mich auch gefragt, als ich eine Woche vor dem Start in mein Abenteuer vor dem Essensplan für 20 Leute saß und versuchte Chili con Carne und Vegetarismus unter einen Hut zu bekommen.
Ich bin ehrlich: Zu diesem Zeitpunkt war meine Laune im Keller. Ich musste mich jeden Tag mit meinen zukünftigen Mitmatrosen treffen, um unsere Woche auf See zu planen und es fiel mir nicht leicht dort immer die Nerven zu behalten. Mit vielen hatte ich noch nie etwas zu tun gehabt und mit anderen wollte ich nie ein Wort reden, aber das hatte sich jetzt wohl erübrigt.
Die restlichen Tage bis zum Aufbruch vergingen wie im Flug und schneller als gedacht, saßen wir alle zusammen im Reisebus und machten uns auf den Weg nach Lemmer. Viele von euch kennen es bestimmt selbst von Klassen- oder Kursfahrten. Die Busfahrt wird nie langweilig, denn man lernt trotz 11 Jahren auf derselben Schule immer wieder neue Menschen kennen. Nach 10 Stunden Dauerbeschallung mit „Traum von Amsterdam“ und „500 Miles“ kamen wir abends endlich an unser Ziel und meine Laune hatte sich wieder um einiges verbessert. Es war schon immer ein Traum gewesen, einmal nach Amsterdam zu fahren. Hier nochmal einen herzlichen Dank an John Green, der mir diese Stadt erst so schön geredet hat.
In Lemmer angekommen durften wir direkt auf unser Schiff aufsteigen. Gleich darauf folgte er erste Schock: Kajüten für 4 Leute, die genau so groß waren, dass unsere Taschen reinpassten. Okay, nichts ist unmöglich.

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Am nächsten Tag ging unsere richtige Reise über das Ijsselmeer dann auch endlich los und ich kann sagen, dass sich mit diesem Morgen einiges verändert hatte. Denn letztes Jahr im Juli konnte man mit Vodafone noch nicht in jedem Land der EU seine Handyflat nutzen. Heißt im Klartext: Wir hätten unsere Handys auch gleich ins Wasser werfen können, denn Empfang gab es auf dem Wasser auch keinen.
Und ab diesem Zeitpunkt wurde geredet. Wir saßen den ganzen Tag zusammen auf dem Deck, haben gesungen (wenn auch schief, aber hört selbst), haben gelacht. Es war, als würde ich, als Social Media-Süchtige zum ersten Mal wieder richtig Urlaub haben und so ging es nicht nur mir.

Ich glaube, schöner hätte ich Amsterdam als Stadt auch nicht erleben können. Ich habe es nicht durch Facebook, Instagram und Co. gesehen, sondern nur durch meine Sonnenbrille und meine Kameralinse. Wie erwartet, konnten wir an jeder Ecke einen Coffeeshop finden, sahen Menschen mit einem Joint in der Hand in Cafes sitzen und besuchten natürlich auch den ältesten Teil der Stadt, das Rotlichtviertel. Amsterdam war nicht wie ich es mir vorgestellt habe, aber doch erfüllte es voll und ganz meinen Erwartungen. Ich bezeichne diese Stadt ungern als Großstadt. Sie hat keine Hektik, besteht auch nicht nur aus grauen Gebäueblöcken. Amsterdam ist fröhlicher. An jeder Ecke gab es neue Nutalla- und Waffelläden und Blumen. Von den millionen Fahrrädern, fange ih erst gar nicht an! Ja, die Klischees wurden alle erfüllt.

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Nach einem viel zu kurzem Tag in der Stadt der Blumen, wie ich sie gern nenne, stachen wir wieder in See. Unser nächster Halt war Enkhuizen, eine kleine Stadt in Nord-Holland mit einem wunderschönen Strand. Der perfekte Ort um noch den letzten richtigen Tag ohne Handy zu verbringen. Inzwischen war es so, dass wir mehr als nur Klassenkameraden geworden sind. Wir verbrachten auch unsere Freizeit in der gesamten Gruppe, planten zusammen den Abend und schliefen sogar zusammen im Aufenthaltsraum, um den engen Kajüten zu entkommen. Hier merkt man es wieder: Der gemeinsame Verlust jeglichen Kontaktes zur Außenwelt schweißte zusammen und es war ein schönes Gefühl.

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Umso schlimmer war auf der Heimreise nach Deutschland das Gefühl, als wir über die Grenze fuhren. In den ersten Minuten traute sich niemand sein Handy wieder anzuschalten und nach den neuesten Nachrichten zu schauen. Ich wollte es nicht, aber so traurig es auch klingen mag, dieser Schritt war unaufhaltsam. Und so schalteten sich nach und nach die Smartphones wieder an und die Gespräche erloschen. Trotzdem bin ich dankbar für die wenigen Tage, die mir gezeigt haben, was das Leben zu bieten hat, wenn man einmal vom Bildschirm aufblickt.

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9 Thoughts.

  1. Huhu…

    Sehr schöner Einblick und unglaubliche schöne Bilder.
    Besonders bei der es halb Dunkel-halb Tag ist. Danke für das Teilen deiner Reise ;)
    Ich mag solche Beiträge.

    Alles liebe

  2. Schöne Bilder und Eindrücke! Ich war ebenfalls in Holland segeln und habe in der Zeit das Internet auch nicht eingeschaltet. Es war nicht einfach, aber ich habe es durchgezogen. Meine Freundin hat es nicht geschafft. Ich bin froh dass ich darauf verzichten konnte und habe es so mehr genossen :)
    Liebe Grüße
    Larissa

  3. Wow wirklich super schöne Eindrücke :)!
    Ich war bisher noch nie auf hoher See, das wird sich aber im nächsten Sommer ändern, denn ich habe mit meiner Familie eine Aida Kreuzfahrt gebucht, ich bin schon ganz aufgeregt! <3

    Alles Liebe,
    Lara

  4. Ohhh wie schön! Das klingt mega toll! <3
    Jetzt bekomm ich direkt Fernweh!

    Ich wünsche dir einen wundervollen Abend <3
    Liebst, Sarah von Belle Mélange
    belle-melange.com

  5. Ein wirklich toller Beitrag, der zum Denken anregt. Ich bin so ein riesen Reise Fan und bin absolut dafür, dass man immer neue Abenteuer anfängt. Nach unbekannte Ziele zu reisen, braucht ganz viel Mut, aber es kann sich auf jeden Fall lohnen – so wie bei dir. Wirklich schöne Bilder und einen tollen Eindruck hast du uns davon verschafft. <3

    LG Gilda

  6. sehr schöne Eindrücke <3 ich war mit meiner Klasse in der 10 auch segeln, und war davor auch echt sehr zwiegespalten, aber dann hat es auch riesig Spaß gemacht (: ist einfach mal ein tolles Erlebnis. (:
    Liebste Grüße,
    Lisa

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